Warum verschreibt mir mein Arzt kein Antibiotikum?

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Warum verschreibt mir mein Arzt kein Antibiotikum?

Es ist Erkältungs-Saison und das Wartezimmer ist angefüllt mit hustenden und verschnupften Patienten.

Oft besteht der Wunsch nach einem Mittel, “damit ich möglichst schnell wieder fit bin…”

Wenn ich diesen Wunsch nicht erfüllen kann, sondern sage: “Das Wichtigste ist, dass Sie sich körperlich schonen, warm halten und viel trinken, damit der Schleim sich lösen kann” dann ist manch ein Patient enttäuscht und irritiert, warum der Arzt ihm kein Antibiotikum aufgeschrieben, sondern nur mit einem Krankenschein, oben genanntem Ratschlag, und evtl. einem pflanzlichen Mittel wieder nach Hause entlassen hat.

Ich schreibe diesen Artikel, damit meine Patienten nachprüfen können, was ich Ihnen in der Praxis gesagt habe.

Warum geh ich überhaupt zum Arzt, wenn ich kein Medikament bekomme?
Antwort: Lieber einmal mehr als einmal zu wenig untersuchen lassen. Jeder Patient mit Erkältungssymptomen wird von mir persönlich und gründlich untersucht, ob Anzeichen für eine ernste Erkrankung vorhanden sind.

Spart der Arzt etwa zu Lasten meiner Gesundheit?
Antwort: Nein, ich spare zu Gunsten Ihres Portemonnaies. Denn die meisten Mittel, die man gegen Erkältung kaufen kann, müssen aus der eigenen Tasche bezahlt werden (weil die Krankenkasse die Kosten nicht trägt), und zweitens wird der Körper auch ohne diese Mittel wieder gesund.

Wäre ein Antibiotikum nicht besser?
Antwort: Ein Antibiotikum wirkt nur gegen bakterielle Infektionen. Die allermeisten Atemwegsinfekte sind aber durch Viren verursacht, und dort sind Antibiotika wirkungslos. Im Gegenteil, durch unnötigen Antibiotikagebrauch züchtet man sich nur resistente Bakterien, bei denen irgendwann gar kein Antibiotikum mehr wirkt.

Mein Rat an meine Patienten lautet immer:
“Wenn es sich deutlich verschlechtert, oder Fieber länger als drei Tage auftritt, dann kommen Sie bitte wieder, damit wir noch mal neu entscheiden können.”

Übrigens sind die Empfehlungen (Leitlinien) der Deutschen Fachgesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) identisch:

http://leitlinien.degam.de/uploads/media/Patinfo_Sinusitis_TJ.pdf

http://leitlinien.degam.de/uploads/media/LL-11_Patienteninfo.pdf

zum Weiterlesen:

Ausführliche Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu dem Thema
http://www.eurosurveillance.org/ViewArticle.aspx?ArticleId=19655

Interessanter kurzer Artikel über Patientenerwartungen bezüglich Erkältung:
http://www.medical-tribune.de/medizin/fokus-medizin/artikeldetail/antibiotikum-bei-erkaeltung-verweigern-schadet-nicht-der-praxis.html

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docspringer administrator

2 Kommentare bisher

Christoph MüllerEingestellt am3:50 pm - Okt 18, 2016

Ich bin eher selten krank, aber etwa einmal pro Jahr bekomme ich Halsschmerzen und mein Körper ist, meist eine Woche, grippe-geschwächt. In so einem Fall wurde mir vom Hausarzt meist ein Produkt wie Amoxicillin verordnet, was immer sehr gut gewirkt hat. Seit etwa drei Jahren ist es jedoch schwierig bis unmöglich, vom Arzt so ein geeignetes Mittel zu erhalten, um wieder zügig auf die Beine zu kommen.

Der allgemeine Ratschlag der Ärzte ist – wie auf dieser Seite ebenfalls zitiert – dass man sich aus der Apotheke irgendwelche Lutschbonbons, schleimlösenden Mittel und Ibuprofentabletten besorgen soll. Diese Produkte helfen im Allgemeinen nur sehr wenig. Ich bin also in der letzten Zeit öfters von einem Arzt zum anderen gewandert, um ein Rezept für das gewünschte Mittel zu erhalten.

Aufgrund dieses “Problems” habe ich im letzten November anstatt einer Woche drei Wochen (mit anhaltenden Halsschmerzen) verbracht, und meine Atemwege waren erst geheilt und frei, als ich das Antibiotikum einnehmen konnte. Gleichzeitig musste ich aber auch zum Dienst kommen.

Es würde mich sehr interessieren, aus welchem Grund die meisten Ärzte (bei denen ich war), nun plötzlich erklären, dass die Gabe nicht nötig wäre bzw. überhaupt nicht hilft, wenn diese mir zuvor jahrelang Antibiotika verordnet haben?

Es ist sicher richtig, dass die Bakterien und Viren in den letzten Jahren aggressiver und resistenter geworden sind – wir haben schließlich eine Schöpfung, die durch Krankheit und Tod verseucht ist. Ich bin auch der Meinung, dass die Verordnung von Produkten mit extremen Nebenwirkungen, die mehr Schaden als Nutzen anrichten können, nicht angebracht ist, wenn jemand lediglich mal niest.

Aber trotzdem meine Frage: was ist der Grund – sind es Kosten oder woran liegt es?

    docspringerEingestellt am11:49 am - Okt 24, 2016

    Hallo Herr Müller,
    danke für Ihren kritischen aber konstruktiven Kommentar. Da ich im Urlaub war folgt erst jetzt die Antwort. Wie Sie aus den im Artikel verlinkten Quellen ersehen können sind die allermeisten Infekte selbstlimitierend und durch Viren verursacht. Deshalb ist die Gabe von Antibiotika nicht sinnvoll sondern schädlich. Wie es in Ihrem konkreten Fall aussieht, kann ich per Ferndiagnose schlecht sagen, dafür müsste ich Sie schon persönlich sehen. In ähnlichen Fällen würde ich bei meinen Patienten evtl. einen Rachenabstrich und/oder eine Blutuntersuchung veranlassen, und wenn ich Hinweise auf eine bakterielle Infektion finde auch mit einem Antibiotikum behandeln. Damit handele ich entsprechend der Leitlinien. Leitlinien sind sicher nicht der Wahrheit allerletzter Schluss, sie werden ja auch einem regelmäßigen Überprüfungs- und Aktualisierungsprozess unterworfen, aber sie stellen auf jeden Fall eine ausgewogene gute Handlungsempfehlung dar.
    In der Vergangenheit hat man viel zu unkritisch Antibiotika verordnet und die Medizin hat erst im Lauf der Zeit gelernt, dass dadurch eine Menge Schaden angerichtet wird (siehe MRSA Problem, auch die Darmbakterien werden leider über Wochen bis Monate geschädigt). Zu Ihrer abschließenden Frage: auch wenn Kostenzwänge im Gesundheitssystem an anderen Stellen oft eine Rolle spielen, sind es in diesem Fall ganz sicher nicht die Kosten, warum mit der Verschreibung von Antibiotika gezögert wird, sondern wirklich vernünftige Gründe.

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